 Ende
der achtziger Jahre stellten sich Kopfschmerzen ein, erst im Nacken und
nur 1-2 mal die Woche. Nach etwa einem Jahr war aus den Kopfschmerzen
eine tägliche Migräne geworden. Ich wachte damit auf und ging
damit zu Bett. Alle Versuche sie zu bekämpfen machten sie nur noch
schlimmer. Keine Medikamente, ob Natur oder Chemie, konnten sie in irgendeiner
Art und Weise beeinflussen. Die einzige Möglichkeit ihr zu entkommen,
war Schlaf oder eine Art Meditation, wobei ich immer gegen jegliche Art
von sogenannter "spiritueller Arbeit" war, doch diese permanenten
Schmerzen ließen mich jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen in
einen Zustand der Nicht-Anwesenheit versinken. In diesem Zustand waren
die Schmerzen nur noch wie ein vibrierendes Licht im Gewahrsein zu erfahren.
Es gab Keinen mehr, der Schmerzen hatte. Meistens tauchte ich nach 4-5
Stunden spontan aus der Meditation auf und mit "MIR" die Schmerzen.
Aus dem Himmel in die Hölle. Irgendwie schaffte ich es danach, ins
Atelier zu gehen und mehr oder weniger erfolgreich zu malen, und mir mehr
oder minder meine Alltäglichkeit zu schaffen.
So vergingen etwa 4 Jahre, bis ich eines Morgens bereits nach 2 Stunden
wieder aus dieser Meditation auftauchte und den Fernseher einschaltete,
um mal wieder Börsennachrichten zu sehen. Zufällig lief gerade
ein Fernsehspiel der BBC, die Mahabharata.
Die Mahabharata ist ein indisches Helden- und Götter-Epos in dem
Lord Krishna dem Helden Arjuna in vielen Lektionen zu vermitteln versucht,
dass er keinen freien Willen hat und trotz seiner total pazifistischen
Lebenseinstellung in Schlachten und Kriege verwickelt wird und in diesen
unzählige Gegner tötet.
Eigentlich wollte ich gleich weiterschalten zur Börse, denn inzwischen
lebte ich weitestgehend hiervon, meine Karriere als Künstler hatte
sich dank der Migräne auf Null zu bewegt, aber irgendetwas hielt
mich davon ab, umzuschalten. Erst mit wenig, dann mit immer mehr Interesse,
verfolgte ich den Spielverlauf. Am Ende waren alle tot, und Krishna nahm
den Bruder von Arjuna, Yuddhistra, der sich inzwischen als wahrer Schüler
herausgestellt hatte, in den Himmel, wo alle seine Feinde gelandet waren
und in Freude die Zeit verbrachten. Er fragte Krishna, wo seine Familie
und all seine Freunde wären, und Krishna antwortete, sie seien alle
in der Hölle gelandet. "Ich will mit meinen Freunden sein, die
relative Freude des Himmels bedeutet mir nichts mehr", erwiderte
Yuddhistra. So, ab in die Hölle. Dort sah er alle seine Freunde und
Familie im Höllenfeuer des Leids brennen, und sank selbst in die
tiefste Traurigkeit des Seins. Nach einer Weile fragte Krishna ihn, ob
er es akzeptieren könnte, für alle Zeiten in diesem Zustand
zu bleiben.
Inzwischen war ich so involviert, vollkommen identifiziert mit Yuddhistra,
dass die Frage an mich gerichtet war. Er oder ich antwortete: "Ja,
in mir ist kein Wunsch nach Veränderung oder Vermeidung von Schmerz
oder Leid, und wenn dies für den Rest meiner Existenz so bleiben
sollte, so sei es". Meine Kopfschmerzen hatten sich inzwischen dermaßen
gesteigert, dass in diesem Moment explosionsartig durch den Hinterkopf
reines Licht meine Wahrnehmung erfüllte. Dies war ein Moment absoluter
Akzeptanz des Seins, die Zeit hörte auf, Karl und die Welt waren
verschwunden und eine Form von Istheit in einem gleißenden Licht,
eine pulsierende Stille, eine absolute Lebendigkeit, vollkommen in sich
selbst, erschien, und ich war das.
Nach einer "Ewigkeit" (auf der Uhr 3-4 Stunden) waren Karl und
die Welt wieder da, doch die Kopfschmerzen waren verschwunden. Dafür
blieb absolute Akzeptanz und das Wissen, dass Zeit in dem erscheint, was
ich bin, und dass -was ich bin- vor Zeit ist. Dass alles, was in Zeit
ist, jede Sensation, nicht das berühren kann, was in sich selbst
absolut ist, das was Leben an sich ist.
Durch eine Kette von Ereignissen und Umständen, die in keinem Moment
von "Karl" gewollt, beabsichtigt oder beeinflusst waren, trotz
und nicht wegen allen Suchens, ist in sich die absolute Akzeptanz, die
vollkommende Liebe, der Urgrund der Existenz, sich ihrer selbst gewahr
geworden. Und alle Erfahrung war und ist nicht "mein" oder "dein"
Erleben, sondern Leben lebt sich in allem was ist und nicht ist.
Und du bist das. Das ist deine wahre Natur, ewig, vor der Erscheinung
von Zeit und Raum und allem was darin auftaucht, ewig unberührt:
Die absolute Wahrnehmung, die sich selbst in sich selbst wahrnimmt. Die
Wahrheit an sich.
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